Über Anarchie…

Anarchie in Albanien, Anarchie herrscht (!) im Irak, Anarchie wird vor allem in den Massenmedien als billige Beschreibung für chaotische und gewalttätige Zustände verwendet. Das ist kein Zufall: Anarchie kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie „ohne Herrschaft“. Und weil nach der gängigen Meinung ohne Herrschaft, ohne klar strukturiertes Oben und Unten bloß Chaos und Gewalt herrschen würden, ist die Anarchie als Begrifflichkeit dafür schnell zur Hand.

Bloß: Herrschaft stützt sich selbst auf Gewalt (zumeist die Staatsgewalt), ja könnte ohne Gewalt oder ohne Androhung derselben gar nicht existieren. Und dabei ist es ziemlich egal, ob es sich um eine Monarchie, eine Parlamentarische Demokratie oder um ein staatskommunistisches Modell handelt. Gewalt dient dazu, die bestehenden Hierarchien zu festigen und die Rollen in der jeweiligen Gesellschaft einzuzementieren. Wer ausschert, bekommt die Knute zu spüren. Das ist die ultimative Form von Gewalt. Kein plötzlicher emotionaler Ausbruch, sondern kaltes System. Und chaotisch zugleich. Wäre es das nicht, würden sich nicht ständig die Lebensverhältnisse verändern – in letzter Zeit in jedem Fall zum schlechteren. Plötzlich heißt es allenthalben, dass wohlerworbene Rechte und Besitzstände in Frage gestellt werden müssen, weil es so nicht weitergehen könne. Nach Meinung von ExpertInnen, die von irgendwelchen PolitikerInnen aus dem Hut gezaubert werden. Ganz so, als ob wir alle bis jetzt im Schlaraffenland gelebt hätten. In den letzten Jahren hat ein massives Lohndumping und ein sozialer Kahlschlag stattgefunden und es ist kein Ende in Sicht. Die Leute glauben den Schmäh mit der Krise und schuften noch mehr für immer weniger, weil angeblich kein Ausweg bleibt. Frust und Armut greifen um sich, immer mehr Menschen üben Gewalt auf andere aus, weil sie entweder ihr eigenes Leben nicht mehr packen, oder weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Dafür gibt es ein Wort: Chaos. Gegründet auf Gewalt.

Also was ist jetzt mit den gewalttätigen AnarchistInnen?

Die ständige Gleichsetzung mit zielloser Zerstörungswut nimmt der Anarchie vor allem den Charakter einer gesellschaftlichen Perspektive mit recht konkreten Vorstellungen. Nämlich, dass die Ablehnung von Herrschaft und der Wille zu Eigenverantwortlichkeit und Selbstverwirklichung und solidarischem Zusammenleben die Basis für eine anarchistische Gesellschaft ist. Dass nicht Zwang, Konkurrenzdruck und Neid der Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken, sondern Gleiche unter Gleichen, ohne einen Hauch von Hierarchie und Bevormundung sich wirklich gern für sich und andere einsetzen werden.

Bei all den Bildern, die über die Anarchie verbreitet werden, ist das nicht ersichtlich. Um es zu konkretisieren: ich glaube nicht, dass der Begriff heutzutage absichtlich verwendet wird, um die Anarchie zu diffamieren. Das hat sich festgefressen. Denn selbst wenn sich die Journaille über (vermeintliche oder echte) anarchistische BombenlegerInnen auslässt, hat sie dabei nichts Politisches im Sinn. Der Anarchist, ein bärtiges, hasszerfressenes Männchen in schwarzem Umhang mit dem Dolch im Gewande oder dem Messer in der Hand, das ist eher das Bild von einem Desperado, denn von einem Menschen mit einer nach vorne gewandten politischen Zielsetzung. Und genau diese Bilder sollten mal zurecht gerückt werden.

Wohin? Wohin?

Als AnarchistInnen sind wir ja vielen Vorwürfen ausgesetzt, und die kommen nicht mal immer von konservativer Seite, auch von autoritär denkenden Linken. Neben dem Gewalt- und Chaosargument wird gegen die Anarchie ins Feld geführt, wer denn dann arbeiten wird, wenn niemand mehr muss. Da sehen viele einen Wohlstand in Gefahr, den sie eh nie hatten. Mit dieser Frage entlarvt sich der/die FragestellerIn selbst. Denn arbeiten tut niemand gern. Hier und heute. So ziemlich alle würden sich im Bett gern noch mal umdrehen und weiterschlafen, weil mindestens acht Stunden Hackeln keine recht erbauliche Perspektive sind. Und wenn die mal runtergebogen sind, wissen eh alle wie es ihnen geht. Wenn überhaupt noch weitere acht Stunden übrig sind, können die nur noch zu einer matten und geistlosen Erholung führen für den nächsten Arbeitstag. Für sinnvolle Gedanken bleibt da kaum noch Kraft (der Verfasser dieser Zeilen quält sich jetzt gerade auch dementsprechend). Und so gesehen nimmt es nicht wunder, wenn kaum jemand den anderen das Hackeln zutraut, wenn sie nicht müssen. Niemand will es sich bei sich selbst vorstellen.

Nur was wäre, wenn die ganzen unnötigen Arbeiten, die heute verrichtet werden, dann nicht mehr ausgeführt werden? Unsere Vorstellung von Anarchie ist eine Wirtschaft, die dem Wohle aller dient. Das heißt, alles was benötigt und auch gemeinsam vereinbart wird, wird auch produziert, und gehören tut es allen. Und weil es allen gehört, braucht es niemand, um es zu verkaufen oder zu bewachen. Polizei, Militär, Werbewirtschaft, Versicherungen, SozialarbeiterInnen sprich alles, was mit Armutsverwaltung, Armenbekämpfung und Dienstleistung zu tun hat, wäre überflüssig. Und das ist ein ganz hübscher Brocken. Es gibt Schätzungen, wieviel durchschnittliche Tagesarbeitszeit ohne den Blödsinn anfallen würde: je nach Analyse zwischen zwei und vier Stunden. Und da würde der Verfasser schon lieber aus dem Bett kriechen und auch den Müll wegbringen. Es könnten noch mehr Aspekte über sinnlose Arbeit und Produktion beleuchtet werden, diese würden aber hier den Rahmen sprengen und sind ein recht umfassender Stoff für erquickliche Diskussionen.

Und es kommt noch was dazu. Nicht nur, dass die Arbeit heutzutage als Mühsal empfunden wird. Wer ärgert sich nicht über unfähige und herrschsüchtige Chefs? Arbeit wird heute in den seltensten Fällen nach eigenem Wissen und Gewissen ausgeführt. Das macht sie noch unerträglicher. In einem gleichberechtigten Miteinander gibt`s sowas nicht. Wir wollen jedenfalls so ein gleichberechtigtes Miteinander. Und wir wollen damit nicht bis zur großen Revolution warten, nach der alles gut ist, weil die Bonzen auf den Bäumen hängen. Denn es kann auch gelebt, experimentiert und immer wieder neu diskutiert werden. Das ist jedenfalls erbaulicher als sich auszudenken, mit wem aller abgerechnet werden wird, wenn der große Tag gekommen ist. Denn darum gehts gar nicht. Die Anarchie kommt erst, wenn alle das wollen. Wir wollen nicht das System verbessern (wie die SozialdemokratInnen), und wir wollen auch nicht bloß eine Wirtschaft durch eine andere ersetzen (wie die KommunistInnen), weil Zwang und Bevormundung dabei bestehen bleiben. Wir wollen das ganze Gerümpel, das so vielen auf so unterschiedliche Weise das Leben zur Hölle macht, entsorgen: das Patriarchat, den Rassismus, den Antisemitismus, Homophobie, etc. Kurz jede Form von Herrschaft und der damit verbundenen Gewalt. Und auf keinen Fall wollen wir die Brechmittel Staat, Gott und Nation!

Wie wollen wir hin und wie gehts dann weiter: das kann in diesen Zeilen nicht stehen, es ist kein Manifest. Aber die Diskussion darüber sollte hier und heute beginnen!

Sepp

Aus: „Anarchie“ Nr. – / + (2004)

Originaltext: http://www.schwarzwurzeln.org/