Archiv für Juli 2009

Über Anarchie…

Anarchie in Albanien, Anarchie herrscht (!) im Irak, Anarchie wird vor allem in den Massenmedien als billige Beschreibung für chaotische und gewalttätige Zustände verwendet. Das ist kein Zufall: Anarchie kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie „ohne Herrschaft“. Und weil nach der gängigen Meinung ohne Herrschaft, ohne klar strukturiertes Oben und Unten bloß Chaos und Gewalt herrschen würden, ist die Anarchie als Begrifflichkeit dafür schnell zur Hand.

Bloß: Herrschaft stützt sich selbst auf Gewalt (zumeist die Staatsgewalt), ja könnte ohne Gewalt oder ohne Androhung derselben gar nicht existieren. Und dabei ist es ziemlich egal, ob es sich um eine Monarchie, eine Parlamentarische Demokratie oder um ein staatskommunistisches Modell handelt. Gewalt dient dazu, die bestehenden Hierarchien zu festigen und die Rollen in der jeweiligen Gesellschaft einzuzementieren. Wer ausschert, bekommt die Knute zu spüren. Das ist die ultimative Form von Gewalt. Kein plötzlicher emotionaler Ausbruch, sondern kaltes System. Und chaotisch zugleich. Wäre es das nicht, würden sich nicht ständig die Lebensverhältnisse verändern – in letzter Zeit in jedem Fall zum schlechteren. Plötzlich heißt es allenthalben, dass wohlerworbene Rechte und Besitzstände in Frage gestellt werden müssen, weil es so nicht weitergehen könne. Nach Meinung von ExpertInnen, die von irgendwelchen PolitikerInnen aus dem Hut gezaubert werden. Ganz so, als ob wir alle bis jetzt im Schlaraffenland gelebt hätten. In den letzten Jahren hat ein massives Lohndumping und ein sozialer Kahlschlag stattgefunden und es ist kein Ende in Sicht. Die Leute glauben den Schmäh mit der Krise und schuften noch mehr für immer weniger, weil angeblich kein Ausweg bleibt. Frust und Armut greifen um sich, immer mehr Menschen üben Gewalt auf andere aus, weil sie entweder ihr eigenes Leben nicht mehr packen, oder weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Dafür gibt es ein Wort: Chaos. Gegründet auf Gewalt.

Also was ist jetzt mit den gewalttätigen AnarchistInnen?

Die ständige Gleichsetzung mit zielloser Zerstörungswut nimmt der Anarchie vor allem den Charakter einer gesellschaftlichen Perspektive mit recht konkreten Vorstellungen. Nämlich, dass die Ablehnung von Herrschaft und der Wille zu Eigenverantwortlichkeit und Selbstverwirklichung und solidarischem Zusammenleben die Basis für eine anarchistische Gesellschaft ist. Dass nicht Zwang, Konkurrenzdruck und Neid der Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken, sondern Gleiche unter Gleichen, ohne einen Hauch von Hierarchie und Bevormundung sich wirklich gern für sich und andere einsetzen werden.

Bei all den Bildern, die über die Anarchie verbreitet werden, ist das nicht ersichtlich. Um es zu konkretisieren: ich glaube nicht, dass der Begriff heutzutage absichtlich verwendet wird, um die Anarchie zu diffamieren. Das hat sich festgefressen. Denn selbst wenn sich die Journaille über (vermeintliche oder echte) anarchistische BombenlegerInnen auslässt, hat sie dabei nichts Politisches im Sinn. Der Anarchist, ein bärtiges, hasszerfressenes Männchen in schwarzem Umhang mit dem Dolch im Gewande oder dem Messer in der Hand, das ist eher das Bild von einem Desperado, denn von einem Menschen mit einer nach vorne gewandten politischen Zielsetzung. Und genau diese Bilder sollten mal zurecht gerückt werden.

Wohin? Wohin?

Als AnarchistInnen sind wir ja vielen Vorwürfen ausgesetzt, und die kommen nicht mal immer von konservativer Seite, auch von autoritär denkenden Linken. Neben dem Gewalt- und Chaosargument wird gegen die Anarchie ins Feld geführt, wer denn dann arbeiten wird, wenn niemand mehr muss. Da sehen viele einen Wohlstand in Gefahr, den sie eh nie hatten. Mit dieser Frage entlarvt sich der/die FragestellerIn selbst. Denn arbeiten tut niemand gern. Hier und heute. So ziemlich alle würden sich im Bett gern noch mal umdrehen und weiterschlafen, weil mindestens acht Stunden Hackeln keine recht erbauliche Perspektive sind. Und wenn die mal runtergebogen sind, wissen eh alle wie es ihnen geht. Wenn überhaupt noch weitere acht Stunden übrig sind, können die nur noch zu einer matten und geistlosen Erholung führen für den nächsten Arbeitstag. Für sinnvolle Gedanken bleibt da kaum noch Kraft (der Verfasser dieser Zeilen quält sich jetzt gerade auch dementsprechend). Und so gesehen nimmt es nicht wunder, wenn kaum jemand den anderen das Hackeln zutraut, wenn sie nicht müssen. Niemand will es sich bei sich selbst vorstellen.

Nur was wäre, wenn die ganzen unnötigen Arbeiten, die heute verrichtet werden, dann nicht mehr ausgeführt werden? Unsere Vorstellung von Anarchie ist eine Wirtschaft, die dem Wohle aller dient. Das heißt, alles was benötigt und auch gemeinsam vereinbart wird, wird auch produziert, und gehören tut es allen. Und weil es allen gehört, braucht es niemand, um es zu verkaufen oder zu bewachen. Polizei, Militär, Werbewirtschaft, Versicherungen, SozialarbeiterInnen sprich alles, was mit Armutsverwaltung, Armenbekämpfung und Dienstleistung zu tun hat, wäre überflüssig. Und das ist ein ganz hübscher Brocken. Es gibt Schätzungen, wieviel durchschnittliche Tagesarbeitszeit ohne den Blödsinn anfallen würde: je nach Analyse zwischen zwei und vier Stunden. Und da würde der Verfasser schon lieber aus dem Bett kriechen und auch den Müll wegbringen. Es könnten noch mehr Aspekte über sinnlose Arbeit und Produktion beleuchtet werden, diese würden aber hier den Rahmen sprengen und sind ein recht umfassender Stoff für erquickliche Diskussionen.

Und es kommt noch was dazu. Nicht nur, dass die Arbeit heutzutage als Mühsal empfunden wird. Wer ärgert sich nicht über unfähige und herrschsüchtige Chefs? Arbeit wird heute in den seltensten Fällen nach eigenem Wissen und Gewissen ausgeführt. Das macht sie noch unerträglicher. In einem gleichberechtigten Miteinander gibt`s sowas nicht. Wir wollen jedenfalls so ein gleichberechtigtes Miteinander. Und wir wollen damit nicht bis zur großen Revolution warten, nach der alles gut ist, weil die Bonzen auf den Bäumen hängen. Denn es kann auch gelebt, experimentiert und immer wieder neu diskutiert werden. Das ist jedenfalls erbaulicher als sich auszudenken, mit wem aller abgerechnet werden wird, wenn der große Tag gekommen ist. Denn darum gehts gar nicht. Die Anarchie kommt erst, wenn alle das wollen. Wir wollen nicht das System verbessern (wie die SozialdemokratInnen), und wir wollen auch nicht bloß eine Wirtschaft durch eine andere ersetzen (wie die KommunistInnen), weil Zwang und Bevormundung dabei bestehen bleiben. Wir wollen das ganze Gerümpel, das so vielen auf so unterschiedliche Weise das Leben zur Hölle macht, entsorgen: das Patriarchat, den Rassismus, den Antisemitismus, Homophobie, etc. Kurz jede Form von Herrschaft und der damit verbundenen Gewalt. Und auf keinen Fall wollen wir die Brechmittel Staat, Gott und Nation!

Wie wollen wir hin und wie gehts dann weiter: das kann in diesen Zeilen nicht stehen, es ist kein Manifest. Aber die Diskussion darüber sollte hier und heute beginnen!

Sepp

Aus: „Anarchie“ Nr. – / + (2004)

Originaltext: http://www.schwarzwurzeln.org/

Anarchistische Ideen – Haltung und Handeln im Alltag

Das Jonglieren mit den Vorurteilen des anderen gehört zum Rüstzeug eines jeden ‚guten‘ Ideologen. Ob „Linker“, „AntiglobalisierInnen“, „Anarchos“ oder „Autonome“ – ob „Kapitalisten“, „Faschos“, „BürgerInnen“ oder „Bonze“, gut eingesetzt, läßt sich sogar der Satz sparen: Sie wissen schon, wer gemeint ist. Ich jedenfalls weiß oft nicht, wer da ‚an sich‘ gemeint ist, höchstens noch was. Doch eine noch so feingesponnene Ideologie bleibt ohne Wirkung, fehlt ihr das sie bestätigende Vorurteil. Mit einem dieser Vorurteile soll deshalb aufgeräumt werden, es geht um die diffusen Zusammenhänge, die sich oft hinter der Bezeichnung „Anarchist/in“ verbergen.

Um also einer ideologischen Verbrämung vorzubeugen, lautet die Fragestellung nicht: Wer oder was ist ein Anarchist? Sondern vielmehr: Was tut ein Anarchist? Bzw.: Welches Handeln und welche Ideen lassen auf eine anarchistische Haltung schliessen? Anarchistische Ideen gewinnen erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts theoretische Tragweite.

Als der Anarchismus als theoretische Denkfigur entsteht, ist er vor allen Dingen in zunehmender Konkurrenz zu sozialistischen, kommunistischen und liberalen Ideen zu verstehen. Waren anfangs noch kaum Unterschiede erkennbar, kristallisierten sich bald spezifisch anarchistische Positionen in vielen politischen Problemfeldern heraus. Fragen wie: Was ist der Mensch? Wie ist der moderne Staat zu verstehen? Oder: Welche politischen Lösungen gibt es für soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit? fanden in anarchistischen Texten und Theorien ihren fruchtbaren Niederschlag. Von der politisch-praktischen wie auch theoretischen Dimension zeugen nicht nur die Debatten, die klassische Vertreter wie Bakunin, Kropotkin, Stirner oder Landauer innerhalb der sozialistischen oder kommunistischen Lager immer wieder anzettelten, die messerscharfe Kritik, mit der sie die liberale Theorie entlarvten, sondern auch ihre bewegten Lebensläufe selbst. Es wäre also falsch von einer anarchistischen Haltung als einer apolitischen oder gar antigesellschaftlichen zu sprechen. Die Kritik des Anarchismus wendet sich nicht gegen Gesellschaft ‚an sich‘, sondern in seinen besonderen theoretischen Ausprägungen gegen spezifische Formen der Vergesellschaftung. Wie im übrigen jede politische Theorie von Gewicht. Es ist hier nicht der Raumfür eine gründlich dargestellte Analyse, aber ich denke, grob sagen zu können, daß der ‚Anarchismus‘ sich im wesentlichen gegen jedwede Art sozialer Ungerechtigkeit wendet, also gegen diejenigen Formen der Vergesellschaftung, die sich über ein asymmetrisches, heißt ungleiches, Machtverhältnis der einzelnen Individuen zueinander charakterisieren. Ein Blick in die Geschichte des 19. Jahrhunderts genügt, um die Bedeutung einer solchen Sichtweise einzusehen. In diesem Sinne ist eine anarchistische Haltung in jedem Falle eine politische.

Da wir uns auch heute gezwungener Maßen mit Gesellschaftsformen konfrontiert sehen, die, ähnlich denen des 19. Jahrhunderts, mit immer neuen Institutionalisierungswellen, die Macht und Herrschaft des Menschen über den Menschen manifestieren (der moderne Staatsapparat ist hier wesentlicher Motor), haben anarchistische Ideen auch heute noch ihren Reiz und ihre Bedeutung. Die Entfaltung des modernen Staates als eines komplexen Geflechts institutioneller Räume(1) hat nicht nur die ‚ursprüngliche‘ Gestalt der Produktionsformen überlagert, sondern vor allem die Sprach- und Lebensformen der gesellschaftlich verfaßten Individuen in ungeahntem Ausmaß beeinflußt. Die einhergehende, expansive Verrechtlichung von gesellschaftlichen Räumen, in denen Menschen interagieren, ist aus anarchistischer Perspektive deshalb problematisch, weil hierbei die Handlungsautonomie einzelner systematisch untergraben wird. Herr seiner Sinne, seines Geists, doch nicht Herr seines Tuns. Die Problematik entspringt im Freiheitsgedanken und verschärft sich dadurch, daß durch die institutionelle Vermittlung von menschlichen Handlungen zu-, mit-, durch- und füreinander, den Einzelnen ihr spezifisches Verhältnis (mithin eben auch Machtverhältnis) als intransparentes, sprich undurchschaubares erscheint. Das allgemeine Ohnmachtsgefühl oder Individualisierungstheorien(2) mit ihrer These der sozialen Verarmung bei steigender institutioneller Verflechtung sind zwei aktuelle Beispiele, die dem Ausdruck verleihen. Gegenüber der konventionellen Theorie, die der Unfehlbarkeit gegebener Institutionen huldigt, der sozialistischen, die dem ewigen Wandel zum Besseren harrt und der kommunistischen, die die Selbstauflösung von Institutionen nach der „Vorgeschichte“ verspricht, drückt sich die anarchistische Haltung gerade in der Skepsis aus, ob nicht jedes intransparente Verhältnis von Menschen zueinander schon Herrschaftsformen (Macht) begründen könnte. Staatliche Institutionen, wie Bürgeramt, Verkehrsbetriebe oder Parlament sind nur klassische Beispiele solcher Institutionen, bei denen das Handeln von Mensch zu Mensch vielfach intransparent vermittelt ist.

Anarchistische Haltungen finden ihren Ausdruck in ethischem und politischem Handeln

Vom Freiheitsgedanken und der Gleichheitsidee her strömt die ethische Kraft anarchistischer Haltungen, welche hinter den nach Interessen geschichteten „Sachzwängen“ das Wirken von Menschen erkennen. Insoweit finden sich anarchistische Haltungen auch in der sozialistischen oder kommunistischen wieder, was gar nicht bestritten werden soll. Doch ist das Primat der Handlungsautonomie des/der Einzelnen vor jeder gesellschaftlichen Institutionalisierung, ethisch nirgends so fruchtbar wie in den anarchistischen Ideen. Dem Schwächeren zur Seite zu stehen, die Toleranz des Anderen, Selbstverantwortlichkeit des eigenen Tuns, so könnte man unter anderem konkretes anarchistisches Handeln benennen.

Auf der Suche nach Selbstverwirklichung in Eigenverantwortlichkeit entdeckt solches Handeln die auferlegten, eigenen Grenzen auch als die anderer. Hieraus speist sich der genuin politische Charakter. Wie sich aus dem Gesagten andeutet, ist die anarchistische keine extrem individualistische Haltung, obwohl der/die Einzelne als einziges Handlungssubjekt verstanden wird. Dem Trugschluß, man käme auch alleine klar, kann nur der erliegen, der sich von Institutionen umschlossen sieht. Um mich selbst zu verwirklichen, benötige ich die Hand des anderen, genauso wie er meine, und bezeichnender Weise findet Selbstverwirklichung heute vorwiegend in der privaten Sphäre und nicht in der öffentlichinstitutionalisierten statt.

Aus der politischen, skeptischen Haltung gegenüber Institutionalisierungen und dem ethischen Impuls ergibt sich also die Praxis eines Handelns, die sich in jedem Moment des Alltages gegen dessen Institutionalisierung wehrt, gegenüber Machtverhältnissen im alltäglichen Miteinander aufbegehrt, und zum Anderen drängt, um ihm von mensch zu mensch ins Aug‘ zu sehn.

Der ewigen Macht des Seins, widerstreitet stets die Kraft des Sollens.

Im Gegensatz zur ‚geronnenen‘ Hoffnung des Sozialismus oder Kommunismus, oder schlimmer zur ‚leeren‘ der konventionellen Theorie, die eben alle nicht ohne intransparente und damit für Herrschaft (Macht) anfällige Institutionalisierungen auskommen, hat den Anarchismus schon seit je her eine echte Utopie ausgezeichnet. Die Hoffnung nämlich, daß sich die Menschen in assoziativen Formen organisieren können, ohne daß jeder einzelne seinen Rechten und Pflichten durch institutionelle Vermittlung beraubt ist. Demzufolge ist von der Theorie des Anarchismus auch kein Konzept für eine neue „Makroordnung“ der Gesellschaft zu erwarten. Im Wettstreit der Ideen verhilft sie eher den konkreten Lebens- und Handlungsformen zum Ausdruck, als Menschenbildern und Handlungskonstruktionen nachzujagen.

Nieder mit den Mauern!

Anarchistisches Handeln und dazugehörige Haltung sind also keineswegs antipolitisch, gesellschaftsfern, gedankenverloren und vor allen Dingen nicht hoffnungslos. Ich plädiere dafür, das Bild vom steineschmeißenden Einzelgänger, der gegen alles ist und nur Chaos will, endlich über Bord zu werfen. Das gilt in gewisser Weise auch für die Stilisierung von Straßenkämpfen. Wir haben beides, Verzweiflung und Verantwortung. Ein klein wenig anarchistisch handelt ja fast jeder ab und an in seinem Alltag. Und in diesem Sinne bin ich von der leisen Hoffnung beseelt, daß sich anarchistische Haltungen in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit immer deutlicher durchsetzen, und damit der Anarchismus zu einer echten Option des Handelns in einer sich entgrenzenden Welt werden kann.

(clov)

Aus: der anarchosyndikalistischen Leipziger Zeitung feierabend – libertäres 1Monatsheft aus Leipzig #1 September 2002:

FASCHISMUS ÜBERALL SABOTIEREN/BLOCKIEREN!

Am 1. August diesen Jahres planen die NPD Hessen und die NPD Wetterau eine „Doppel Demo“ in Friedberg und Nidda unter dem Thema „Deutsche wehrt Euch – Gegen Islamisierung und Überfremdung“. Ein weiteres Mal wird versucht, die in der Bevölkerung weit verbreitete Angst vor Islamisten und islamischem Terror zu Instrumentalisieren, um rassistische und faschistische Propaganda unter die Leute zu bringen. Diesen Aufmarsch gilt es um jeden Preis zu verhindern, Faschisten darf auch im Hinterland kein Raum gegeben werden, ihr zutiefst menschenfeindliches Gedankengut zu verbreiten.

GEGENAKTION: 9:00 UHR BAHNHOFSVORPLATZ FRIEDBERG

Einige Worte zu dem Grund faschistischer Gedanken, der kapitalistischen Gesellschaft:
Der Kapitalismus reduziert Menschen, gemäß des ihm innewohnenden Konkurrenzprinzips auf ihre Verwertbarkeit (F. Müntefering: „WER NICHT ARBEITET, SOLL AUCH NICHT ESSEN.“). Folglich steht „jede/r gegen jede/n“, die Reaktion der Menschen darauf ist die Schaffung von Scheingemeinschaften, wie Staat, Nation, Rasse, etc., gegen die Nachteile dieses Spiels und versuchen nun nicht gegen das System sondern die anderen Scheingemeinschaften zu kämpfen und für ihre Scheinzuflucht; sie weiten das Konkurrenzprinzip von jede/r gegen jede/n auf jede Gruppe gegen jede Gruppe aus.

Neben einigen autonomen Aufrufen zur Gegenwehr hat sich in der Wetterau nun vor allem ein breites Bündnis vom linksradikalen bis ins bürgerliche Lager gebildet, das gemeinsam zu einer friedlichen Blockade nach dem so genannten „Mainzer Modell“ aufruft. Eine solche Vereinigung ist prinzipiell durchaus zu begrüßen, wer am 1. Mai diesen Jahres in Mainz war, dem wird der überragende Erfolg dieses Tages durchaus noch in Erinnerung sein, als die Nazis keinen Schritt weit kamen, da 4000 bis 5000 Menschen von Antifas bis Bürgerlichen über Stunden hinweg konsequent den Bahnhof blockierten. Bei derartig breit gefächerter Gegenwehr schien die Polizei dann doch Hemmungen zu haben, die Demo um jeden Preis durchzuknüppeln, wie mensch es von genug anderen Naziaufmärschen kennt. Die Erlebnisse dieses Tages waren die Motivation für uns, uns zunächst hinter dieses nun ins Leben gerufene Hessenweite Bündnis zu stellen. Dass wir uns hinter die Mehrzahl der dort vertretenen Gruppen normalerweise auf keinen Fall stellen würden und das an diesem Tag nicht tun werden, dürfte sich von selbst verstehen, allerdings geht es an diesem Tag erst einmal darum, die Faschisten am marschieren zu hindern und die Vergangenheit hat gezeigt, dass mensch zu diesem Zweck auf derartige Mitdemonstranten angewiesen ist, besonders in Gegenden wie der Wetterau, wo mensch die antifaschistische Bewegung wohl beim besten Willen nicht als groß bezeichnen kann. Mittlerweile treibt dieses Bündnis allerdings Blüten, die wir endgültig nicht mehr unterstützen können. Wenn bürgerliche und religiöse Verbände die Demonstration mitorganisieren, hat das natürlich immer einen bitteren Beigeschmack, wenn mensch es so aber schafft, Nazis und ähnliches Pack aufzuhalten, kann mensch ein solches Zweckbündnis eben für diesen Tag eingehen. Wenn dies allerdings in Dingen wie einem „Solidaritätsvideo“ von Badesalz oder einer Morgenandacht des evangelischen Dekanat endet, ist ein Punkt erreicht, an dem wir uns auch hinter ein Zweckbündnis wie dieses nicht mehr guten Gewissens stellen können. Wer sich als AnarchistIn und KommunistIn versteht, kann sich auf keinen Fall hinter Religiosität irgendeiner Art auf Demonstrationen stellen, und wer sich als aktive AntifaschistIn versteht, kann sich nicht hinter eine Gegendemo stellen, die mehr und mehr zum Volksfest mit Comedy verkommt. Deshalb haben wir uns entschlossen, unseren eigenen Aufruf zu verfassen.
Dennoch sollte dieser in keiner Weise als Gegenaufruf einer Art verstanden
werden, der zu Spaltereien innerhalb der Demonstranten am Tag der Demo führen soll. Unser oberstes Ziel an diesem Tag muss bleiben, den Faschisten keinen Fußbreit zur Verbreitung ihrer braunen Propaganda zu gewähren. Der an diesem Tag zuständige Polizeidirektor hat bereits durchscheinen lassen, dass er eine Wiederholung des Mainzer Erfolgs auf jeden Fall verhindern wird und wie viel mensch auf die Äußerung solcher Personen, mensch werde den Einsatz von Wasserwerfern, Polizeiknüppeln und ähnlichem aber „auf jeden Fall verzichten“, geben kann, sollte sich jede/r selbst beantworten können. Wir brauchen jede verfügbare Person an diesem Tag, um die Nazis tatsächlich am marschieren zu hindern, interne Streitigkeiten auf der Gegendemo wären das Ende jeder Aussicht auf Erfolg dabei. Berechtigter Unmut über einige bereits angesprochene oder auch andere Dinge darf und sollte selbstverständlich geäußert und die Diskussion über diese Punkte gesucht werden, aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem dies den Nazis die mehr oder minder reibungslose Durchführung ihrer Aktionen ermöglicht. Wir sind in unserem Verständnis als AntifaschistInnen bereit, mit dem Wetterauer Bündnis an diesem Tag zusammenzuarbeiten und begrüßen auch den Willen zur Blockade dieses Bündnisses ohne Frage. Wir können uns aber in unserem Verständnis als AnarchistInnen und KommunistInnen nicht hinter sämtliche Aktivitäten und erst recht nicht hinter sämtliche Ansichten dieses Bündnisses stellen und rufen deswegen autonom zur Moblisierung am 1. August auf.

HERAUS ZUM ANTIFASCHISTISCH, REVOLUTIONÄREN 1.AUGUST!
ZEIGEN WIR DEN FASCHISTEN
IN NPD UND STAAT, WAS WIR VON IHNEN HALTEN!

wer wir sind

Wir sind:
das „Libertäre Bündnis der Wetterau“

Wir wollen:
Eine solidarische, dezentralistische Gesellschaft frei von Unterdrückung JEDER Art, seien es Sexualnormen, sei es die finanzielle Unterdrückung durch den Kapitalismus, sei es die Unterdrückung durch die Einteilung der Menschen in „Rassen“ oder sei es die Unterdrückung durch Autoritäten wie Staat, Polizei, Kirche oder Parteien, deren Zweck und Anliegen nur die Legitimation und der Schutz des herrschenden, unterdrückenden Gesellschaftssystems sind und seien können; oder kurz:
den Libertären, also Staatsfreien, Kommunismus.

Wir versuchen unser Ziel zu erreichen durch:
1. Sabotage des Unterdrückungsautomaten der herrschenden Gesellschaft
oder Verweigerung/Sabotage der staatlich/gesellschaftlichen Vorgänge.

2. Befreiung der Gedanken der Menschen von gesellschaftlichen Grenzen
oder Bildung, Diskussion, Denkanstöße.

3. Solidarität mit den/ Unterstützung der Unterdrückten dieser Welt
oder Veranstaltungen um finanzielle oder ideelle Unterstützung zu erhalten und auf die Problematik der Unterdrückten aufmerksam zu machen.

GEGEN NATIONALISMUS, FASCHISMUS UND KAPITALISMUS!
FÜR DIE REVOLUTION, FÜR DIE ANARCHIE!
WIR SEHEN UNS AN DEN BARRIKADEN!

„Faschismus Struktur und Ideologie“ ein sehr guter Text über persöhliche Ansichten und Erfahrungen zu/mit Faschismus

wird auf Anfrage per e-mail verschickt